Mein Urlaub auf dem Mars – oder eine Reise mit 70 Jugendlichen nach Südfrankreich

„Wäre ich jetzt auf dem Mars, wäre es wahrscheinlich auch nicht anders. Lebe in einer komplett anderen Wirklichkeit gerade“ 

war meine erste Nachricht an eine gute Freundin nach 6 Tagen „Inklusionscamp“.

Was war geschehen?

Als ehrenamtliche Co-Teamleitung bin ich dieses Jahr mit dem Verband der Jungen Humanist_innen Berlin und 70 Jugendlichen zwischen 13 und 18 Jahren nach Südfrankreich campen gefahren. Das heißt, 2 Wochen im Hochsommer mit bis zu 24-stündigen Busfahrten und einem Camp ohne Spülmaschine und Klopapier – und einem Betreuungsteam von 18 wunderbaren Menschen. Sowie sehr vielfältigen und tollen Teilnehmenden. Die Hintergründe dieser reichten von körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen über Flucht – und Kriegserfahrungen bis hin zu den unterschiedlichsten „Lebenswelten – und Erfahrungen“ im Allgemeinen.

Ich muss dazu sagen, das war meine erste Fahrt dieser Art als Betreuerin und Teamleitung für so viele Menschen.

Immer wieder werde ich gefragt, warum ich das gemacht habe. Und vor allem, ob ich es noch mal tun würde. Und 2 Wochen später, nachdem ich wieder in meiner gewohnten Umgebung und Routine bin und auch den Schlafmangel überwunden habe, sage ich: Ja!

Warum? Das weiß ich eigentlich auch nicht so genau…

Der Alltag im Camp: Schlafmangel, Zusammenbrüche, Überforderung

In den zwei Wochen hatte ich durchschnittlich 5-6 Stunden Schlaf pro Nacht. Stand alle zwei Tage in der Großküche, um das Team und die Jugendlichen zu unterstützen oder selbst zu bekochen. Ich sah es irgendwann  sogar als Entspannung an, das Geschirr von bis zu 84 Menschen alleine in den Sanitäranlagen des Campingplatzes zu spülen – anstatt mir den Mund fusselig zu reden und die Kids von freiwilligem Spüldienst zu überzeugen. Mein Name wurde gefühlt 700 Mal am Tag gerufen. Zeit für mich alleine hatte ich in den zwei Wochen ca. 2 Stunden. Ich leistete 1. Hilfe vom Kreislaufzusammenbruch mit Atemnot über Panikattacken bis hin zur Blase am Fuß wegen neuer Flipflops. Ich war seelischer Beistand bei Liebeskummer, familiären Problemen, Mobbing und Heimweh. Zudem durfte ich die Pflege und Unterstützung von Rollstuhlfahrer_innen bei 35 Grad im Schatten erlernen. Und hatte dabei noch die Verantwortung für Organisation und Teamleitung im Camp.

Mit dem Resultat, dass ich Nachts in der ersten Woche meiner Rückkunft meinen Lebenspartner und meine Wohnung nicht mehr erkannte und bis fast zwei Wochen nach der Fahrt noch von den Jugendlichen träumte. Insbesondere von den Busfahrten.

Warum also Ehrenamt?

Warum macht man also so ein Ehrenamt – bei dem man außer einer Übungsleiterpauschale offenbar keine persönlichen Vorteile hat?

Vielleicht, weil… 

  • ich zwei Wochen in Südfrankreich bei freier Kost und Logis verbringen durfte.

  • ich mich in diesen zwei Wochen nicht fragen musste, ob das was ich tue, einen Mehrwert für die Welt hat.

  • ich in diesen zwei Wochen so viel Liebe, Zuneigung und Wertschätzung erhalten habe, wie vermutlich in keinem meiner anderen „bezahlten“ Jobs zusammen.

  • ich jeden Tag 70 Jugendliche dabei beobachten konnte, wie sie eine gute Zeit verbringen- außerhalb ihres sonst offenbar gar nicht so „einfachen“ Lebens.

  • wir es Rollstuhlfahrer_innen ermöglicht haben, campen, im Meer schwimmen zu gehen und auf einer Wasserrutsche zu rutschen.

  • mir die Jugendlichen unglaublich viel Vertrauen entgegenbrachten und sie mich an ihrem Gefühlsleben und Problemen teilnehmen ließen.

  • ich gelernt habe, in jeder Situation Ruhe zu bewahren.

  • ich erfahren durfte, wie ich in so einer „Ausnahmesituation“ agiere und reagiere.

  • ich meine eigenen körperlichen und seelischen Grenzen kennenlernen durfte und gemerkt habe, dass ich gut für mich sorgen kann.

  • ich fast in jeder Hinsicht über mich selbst hinausgewachsen bin.

Persönlichkeitsentwicklung

Im Großen und Ganzen hatte die Reise also das Potenzial sich weiterzuentwickeln und seine eigenen Grenzen kennenzulernen. Eigentlich in einem geschützten Rahmen, denn es war immer jemand da, der mich aufgefangen hat. Ich musste mich nur öffnen und an einen anderen Teamer wenden. Es hatte also auch viel damit zu tun, eigenverantwortlich zu handeln, zu kommunizieren und mit sich selbst umzugehen. Denn wer zu lange über seine eigenen Bedürfnisse und Kräfte handelte, brach früher oder später im Camp zusammen. Aber auch dabei durften wir lernen, dass das nicht schlimm ist. Denn auch hier halfen wir zusammen, um diese Personen mit geteilten Kräften wieder hochzupäppeln und sich zukünftig gegenseitig zu entlasten.  

Es hängt immer von einem selbst ab, wie man die Erfahrungen, die man gemacht hat, bewertet.

Heute ist der Tag des „positven Denkens“. Er erinnert uns vielleicht daran, dass wir immer öfter die Perspektive wechseln können, um schöne Dinge in unserem Leben zu entdecken und genießen zu können.Ich bin mir sicher, beim nächsten Mal, sehe ich das Camp mit anderen Augen und kann viel mehr davon genießen!

Lust auf Ehrenamt bekommen?

Wenn du auch schonmal darüber nachgedacht hast, ehrenamtlich tätig zu werden, dann kann ich nur empfehlen: Tu es!

Ein toller Anlaufpunkt dafür ist der Verband der Jungen Humanist_innen (HVD), der Deutschlandweit tätig ist oder  oder die Jungen Humanist_innen Berlin.

Stöber gerne! Vielleicht ist was für dich dabei!